Exbummel zum Sternenhimmel
Geschrieben von Mark P. Haverkamp   
Donnerstag, 8. Januar 2009

 

JA HP 08

„Leute, nachdenken!“ ermuntert der nette ältere Herr seine kleine Gruppe. Der eine oder andere meldet sich brav und sagt ihm, welcher Planet sich in unserem Sonnensystem wo befindet. Das freut ihn, er malt alles an die Wand und führt die Kleinen noch nach oben, damit sie sich die Gerätschaften anschauen.

Der Mann auf der Heppenheimer Sternwarte hat in solchen Führungen viele Jahre Erfahrung. Auch religiöse Gruppen kämen zu ihm, sagt er. Erst neulich seien die Zeugen Jehovas vor Ort gewesen, erzählt er lächelnd und kopfschüttelnd, und hätten mit ihm über das Alter der Erde gestritten. „Die Bibel ist aber doch kein wissenschaftliches Buch“ klärt er seine Lieben auf und für den Moment fühlen manche unter ihnen sich in den Sachkundeunterricht der dritten Grundschulklasse zurückversetzt.

An diesem Samstag, den 13. Dezember 2008 nämlich sind weder christliche Fundis noch mit ihrer Frau Lehrerin auf Ausflug gekommene I-Männchen in der hessischen Kleinstadt. Sondern wahre Stimmen der Vernunft, die Nichtunterschätzer des subjektiven Faktors im objektiven Verlauf feiern ihren üblichen Jahresabschluss. Und machen dazu unter anderem eine kleine „Bilderreise in den Weltraum“.

Nach Beendigung des Aufenthalts auf der Sternwarte diskutieren sie, ob man gerade verarscht worden oder der Mann einfach nur ein schräger Vogel sei. Ach es war doch ok, ist man sich fast einig. Denn viel interessanter ist die Frage, ob man wieder mit dem Taxi in die Altstadt runterfährt, das hatte einen nämlich vom Heppenheimer Bahnhof bereits den Berg hoch zur Sternwarte gebracht, oder man nicht doch den Weg laufen solle. Es ist noch etwas Zeit, denn für das Jahresabschlussessen ist im Winzerkeller des historischen Kurmainzer Amtshofes ein Tisch für 18 Uhr reserviert, der Astronomiekurs begann schon um 14 Uhr. Die Teilnehmer laufen. Aber auch nur, weil das Taxi zu lange brauchen würde.

Was kann man in der Heppenheimer Altstadt machen außer durch die Straßen zu tingeln? In der Vorweihnachtszeit? Glühwein trinken! Ein besonders Unternehmungslustiger schlägt vor, zwischendurch einen Abstecher nach Bensheim zu machen. Aber man bleibt doch lieber hier. Der eigentliche Weihnachtsmarkt findet an diesem Wochenende nicht statt. Wohl aber gibt es ein paar Stände. Und an einem von ihnen hat es auch Glühwein, wobei zunächst die Verkäufer einen verunsichern, weil nicht klar sei, ob für so viele Leute noch ausreichend Stoff vorhanden sei. Alle bekommen ihren Becher heißen Wein.

Das Lokal hat auch noch bis kurz vor knapp geschlossen. Erst stehen die Nichtunterschätzer eine Weile vor der Tür und starren ungläubig auf das dunkle Fensterglas. Einer muss aufs Klo. Dann drehen alle doch noch ne kurze Runde bevor es ins Restaurant geht. Man bestellt in regelmäßigen Zeitabständen ein neues Bier, frequentiert etliche Male die Toilette, ißt, und spricht über Nahrungsmittelpreise und den Welthunger und viele andere weihnachtliche Themen. Große Reden werden an diesem Abend keine gehalten. Doch der nette ältere Herr  und dessen Aufrufe („Leute, nachdenken!...och bitteee“) lassen keinen so richtig los.

 
Mark P. Haverkamp